Steven Gerrard – Zeitumstellung

Seit jenem 03. Januar 2015 frage ich mich: Wie wird es sein…?
Wie immer seit 10 Jahren werde ich im August vor dem Stadion an der Anfield Road stehen. Und nichts wird mehr sein wie es war.
Da ist das Stadion, der Club, das Team. Und allem fehlt das Gesicht. Wohin ich auch sehe: Baustelle! Es wird gebaut – am Stadion, am Team, am Club.

Aber man baut mit anderer Uhr…

Die digitale Zeit ist angekommen an der Anfield Road. Keine verschnörkelten Zahlen mehr, wo Zeiger ihre Kreise drehen, wo die Uhr sich drehte um Mythos, um Holy Trinity -bestehend aus verschworener Gemeinschaft von Team, Fans und Team-Manager (Coach).
Der Kreis der Zeiger ist dem Kommen-und-Gehen digitaler Ziffern gewichen. Es sind nicht mehr die gleichen Fans, die kommen und ständig wiederkehren. Nun sind es oft Menschen, die kommen und gehen… Und neue selbst ernannte Fans kommen und gehen… Und wieder neue…
Wie die Zahlen auf einer digitalen Uhr. Sie kommen – und gehen wieder, bevor sie ein Gesicht hatten. Aus Fans sind Besucher geworden.

Werden Spieler noch Legenden sein? Oder wird dieser Mann, der am 03. Januar so traurig seinen Abschied verkündete, die letzte Legende im roten Trikot sein, eine Legende, die mit ihrem roten Kämpferherzen auch den roten Mythos mit sich nimmt, weil dieser beim Umbau achtlos mit vor die Tür gestellt wurde?

August 2015. Ich werde vor dem KOP stehen, dieser legendären Fan-Tribüne. An ihrer linken, der Herzensseite, wird gebaut werden.

Wie werden sie einmal aussehen: das Herz, das Gesicht, die Seele?

Werden sich nach dem Spiel noch Fans biertrinkend im „Albert“ Geschichten erzählen?

Oder setzen sich die Besucher nach dem Spiel ins Taxi, um ihre Flüge nach Berlin, Amsterdam, Oslo oder sonstwohin zu bekommen?
Werden „Magische Nächte“ mit ohrenbetäubenden Gesängen touristenfreundlichen Events mit Ergebnis- und Merchandise-orientierten Sportanteil gewichen sein?

Steven Gerrard muss sich über Weihnachten 2014 gequält haben…! Weil er wusste, dass er wenige Tage später eine Grabrede halten muss. Nicht nur für sich, sondern für den Fußball historischer Prägung. Weil er gespürt haben muss, dass der Liverpool FC einen anderen Weg gehen wird als jenen, dem er selbst so viele Jahre gefolgt ist.
Er wollte immer gewinnen – für sich, das Team, die Fans, für sein Liverpool.

Die digitale Uhr hat keine Zeit für solche Emotionen. Es geht um ergebnisorientiertes Entertainment. Der Besucher aus Reihe 17, Platz 8 wird am nächsten Abend fernab von Anfield zu seinen Söhnen sagen: „Seht mal Jungs, ich habe Euch ein Trikot mitgebracht. Was? Ihr kennt den Spieler nicht? Es hat mich ein Vermögen gekostet!“

Vielleicht hat Steven erkannt, dass er nicht in diese neue Zeit gehört. Vielleicht hat man es ihm auch gesagt – und auch, dass kein Platz mehr ist für seine Träume.

Wie sieht sie wirklich aus, diese neue Zeit? Ist die Holy Trinity doch dem Scheckheft der Club-Eigner und Manager gewichen und im Nebel der Zeit verschwunden? Oder wird das Gesicht von Steven Gerrard mit den Fans ins Stadion zurückkehren und irgendwie ewig über Anfield schweben?

Ich weiß es nicht…

Zeit ist respektlos und macht vor nichts und niemandem halt.

Jedoch gehört Steven Gerrard in die Zeit der Uhren, die hörbar tickten und laut schlugen und Zeiger hatten. So wie er auf dem Platz tickte, sein Herz schlug und er der Zeiger war…!!!

Digital-Uhren hört man nicht. Höchstens ihren Weckruf…

 

Udo Pütsch

German Reds, Öffentlichkeitsarbeit

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